Buchtipp: 'Energieautonomie' von Hermann Scheer

Das Buch arbeitet zunächst die verschiedenen Vorteile erneuerbarer Energien heraus. Neben der bloßen Entwurf eines Twintowers mit integrierten Windrotoren Klimaneutralität und Unerschöpflichkeit ist für Scheer vor allem das Argument der schnellen und dezentralen Einführung wichtig: während fossile Großkraftwerke jahrelanger Planung bedürfen und damit nicht selten bei Fertigstellung aufgrund veränderter Rahmenbedingungen am Bedarf vorbei produzierten, seien regenerative Energien in vielen kleinen Anlagen wesentlich flexibler einsetzbar. Scheer weist auf die bessere Energieeffizienz der dezentralen regenerativen Energien hin, insbesondere aufgund des Wegfalls umfangreicher Leitungsverluste. Aber auch volkswirtschaftliche Aspekte werden angeführt, wie etwa die Unabhängigkeit von Primärenergie-Importen aus dem Ausland, aber auch die vermehrte Schaffung von Arbeitsplätzen im Energietechnologie-Sektor, und zwar vor allem im Mittelstand.  

So ist es denn doch verwunderlich, dass wir in der Welt der erneuerbaren Energien trotz dieser vielen Vorteile noch immer nicht angekommen sind. Folgerichtig untersucht Scheer als nächstes sehr ausführlich die Schwierigkeiten und Hemmnisse, die auf dem Weg zu einer Energieversorgung aus erneuerbaren Energien liegen. Eine der Hauptursachen für das schleppende Vorankommen findet er in den schwerfälligen und sich selbst erhaltenden Strukturen der etablierten Energiewirtschaft. Er beleuchtet die oftmals unheilige Allianz der Politik mit den großen Energieversorgern und ist davon überzeugt, dass das alleinige Warten auf den Durchbruch der erneuerbaren Energien durch die bislang wirkenden Kräfte nicht zum Erfolg führen wird. Scheer führt als Beispiel die interne Studie zweier großer Energiekonzerne an, in der ermittelt wurde, dass die Erneuerbaren bis zum Jahre 2050 den gesamten Weltenergiebedarf decken könnten. Da eine solche Aussage für die Konzerne politisch nicht tragbar war, sei kurzerhand von einer Verdopplung des Energiebedarfs bis 2050 ausgegangen worden, um auch weiterhin die bestehende sehr profitable fossile Sparte weiterführen zu können.

Der zentralistische Ansatz des bestehenden Energieversorgungssystems selbst ist für Scheer eines der größten Hemmnisse auf dem Weg zur Energiewende: "Die These eines enorm langen Zeitbedarfs für die Einführung der neuen Energien wird von Energieexperten aus der Geschichte des konventionellen Energiesystems abgeleitet. Diese Erfahrung gründet sich nicht in erster Linie auf die langen Bauzeiten für Großkraftwerke, sondern auf den noch wesentlich zeitraubenderen Ausbau einer weiträumigen Transport- und Verteilungsstruktur der Energieversorgung. Diese Erfahrung wäre jedoch nur dann auf erneuerbare Energien übertragbar, wenn deren Ausbau sich am überkommenen Vorbild orientieren und den großtechnischen Weg wählen würde. Doch das ist, von Ausnahmen abgesehen, weder technologisch notwendig noch ökonomisch sinnvoll." (S. 63 ff.)


Scheer betrachtet auch die internationalen Bemühungen zur CO2-Emissionsreduktion sehr skeptisch. Da man stets Lösungen suche, die von allen getragen werden, gäbe es somit genügend Möglichkeiten, sich hinter suboptimalen, aber national vorteilhaften Abkommen zu verstecken. Auch hier sieht Scheer klar den Vorteil in kleineren dezentralen, durchaus auch unilateralen Ansätzen.

Mithin ist für Scheer das Konzept dezentraler Energieautonomie der Schlüssel und "archimedische Punkt", der die Hemmnisse überwinden und schnell zu einer erfolgreichen Energiewende führen kann. Gemeint ist der Ansatz, dass viele lokale Erzeuger erneuerbare Energien auf dem Markt anbieten, was mit Solar- und Windenergie und Energie aus Biomasse vergleichsweise einfach umsetzbar ist. Auch das Thema Eigenverbrauch ist ein Aspekt der Energieautonomie. Scheer ermuntert dazu, hier initiativ zu werden; er ruft zu einer Art "just do it"-Kultur auf, die die vielfältigen Möglichkeiten nutzen soll: "Der Leitbegriff der Energieautonomie bedeutet, dass eine selbst- statt fremdbestimmte Verfügbarkeit über Energie das Ziel sein muss - frei und unabhängig von Zwängen, Erpressungs- und Interventionsmöglichkeiten, nach eigenen Entscheidungskriterien." (S. 235)

Das Buch ist im Jahr 2005 erschienen und hat seit dem nichts von seiner Aktualität eingebüßt. Wir haben die Energiewende noch längst nicht erreicht; auch Teilschritte auf dem Weg dorthin wie etwa die Vision einer Million Elektroautos bis zum Jahr 2020 werden nicht ohne weiteres zu schaffen sein und benötigen neue Impulse. Auch Großprojekte wie die SuedLink-Trasse verfolgen den falschen, nämlich zentralistischen Ansatz. Der Einsatz von Konzepten der Energieautonomie wäre hier effektiver.

Hermann Scheer ist 2010 im Alter von 66 Jahren gestorben. Er war Wirtschafts- und Sozialwissenschaftler, seit 1980 Mitglied des Deutschen Bundestages und Vorsitzender von EUROSOLAR, der europäischen Vereinigung für erneuerbare Energien. Seine Meinung zu aktuellen energiepolitischen Entwicklungen war stets von Interesse. Das Thema erneuerbare Energien hat ihn zeitlebens begleitet. Man kann seine
leidenschaftliche Haltung dazu in dem Buch sehr gut nachlesen, wenn er etwa einigen - bisweilen unkritisch hingenommenen - Paradigmen mit präziser Argumentation eine komplette Abfuhr erteilt, wie etwa der stetigen Forderung nach dem jeweils günstigsten Strompreis oder dem Glauben, der Markt würde gesellschafts- und energiepolitische Probleme "von allein" lösen.

Hermann Scheer: "Energieautonomie", Kunstmann Verlag 2005